Bekannt wurde die Fotografin Sibylle Bergemann durch ihre Modeauf­nahmen für die legendäre DDR-Zeitschrift „Sibylle“. Melan­cho­lische Bilder, poetisch und oft ein wenig weltab­gewandt. In den vergangenen Jahren wurde Bergemanns Werk bei vielen großen Ausstel­lungen vorge­stellt – jetzt ist die Fotografin verstorben:

Selbstportrait von Sibylle Bergemann

Das Werk der 1941 geborenen Berliner Fotografin Sibylle Bergemann (rechts) trug schon immer deutlich melan­cho­lische Züge. Das war ein spezi­fisches Zeichen ihrer in kargem Schwarzweiß entstandenen Modefo­to­grafien, die in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren vorwiegend in dem DDR-Magazin „Sibylle“ erschienen sind (siehe auch Bilder voller Atmosphäre: Sibylle. Modefotografie 1962-1994). Doch das Melan­cho­lische, Poetische und Weltab­ge­wandte war auch in vielen neueren Arbeiten präsent. „Mich inter­essiert der Rand der Welt, nicht die Mitte. Das Nicht­aus­tauschbare ist für mich von Belang. Wenn etwas nicht ganz stimmt in den Gesichtern oder Landschaften …“, so hat Bergemann einmal ihr fotogra­fisches Sehen, ihre Reportagen für GEO, ihre Modefo­to­grafien, Dokumen­ta­tionen und Porträts zusam­men­gefasst. „Gesichter wie Romane oder Kurzge­schichten“, schrieb der Schrift­steller Cees Noteboom über Bergemanns Porträts.

Verblassende Erinnerung“ war ein treffender Titel für jene in Berlin entstandene, sehr assoziative Serie, die das scheinbar Neben­sächliche, das was am Rande liegt, einfängt. Den sozia­lis­tischen Kitsch eines Marx-Lenin-Doppel­porträts etwa, das Sibylle Bergemann im Roten Salon der Volksbühne in Berlin-Mitte entdeckt hat. Viel zu hell scheint uns dieses Bild auf den ersten Blick, fotografisch fehlerhaft, könnte man sagen, doch auch von einem sonderbaren, irritie­renden Reiz.

Auch die Frank­furter Allee in Berlin-Fried­richshain ist eigentlich kaum ein lohnender Ort der Fotografie, doch auch sie taugt Bergemann zur Spurensuche. Trist präsentiert sich die betongraue Monumental-Archi­tektur. Kein Mensch ist zu sehen, nur ein Graffiti auf einer der Säulen lässt darauf schließen, das sich ab und an jemand hierher verirrt. Ein etwas abseitiger Ort, weit entfernt von den Bildern der jugendlich-dynamischen Hauptstadt-Metropole, die wir im Kopf mit uns herum­tragen.

Ich wundere mich auch über meine Melan­cholie. Jahrelang habe ich mich dagegen gewehrt. Aber so ist es nun mal“, hat Bergemann einmal in einem Interview gesagt. Sie gehörte zu den Gründungs­mit­gliedern der Fotoagentur „Ostkreuz“, in den vergangenen Jahren waren viele Einzel­aus­stel­lungen zu sehen – demnächst kommt ein Dokumen­tarfilm über das Leben von Sibylle Bergemann in die Kinos.

Am 2. November 2010 ist die Fotografin im Alter von 69 Jahren in Gransee verstorben.

(Marc Peschke)
 
 

Foto: Sibylle Bergemann

Foto: Sibylle Bergemann

 
Buchtipp:
Ein sehr schönes Buch über Sibylle Bergemann ist im Jahr 2006 in der Edition Braus erschienen: Sibylle Bergemann – Photographien