Foto von Claudia Christoffel, „Temporäre skulpturale Setzungen“gute aussichten“ ist ein guter, optimis­ti­scher Titel für den 2004 ins Leben gerufenen, einzigen bundes­weiten Förder­wett­bewerb, der junge Fotografen und Fotogra­finnen im großen Rahmen präsen­tiert – in den besten Ausstel­lungs­häusern Deutsch­lands. Wir sprachen mit Josefine Raab – der Wiesba­dener Initia­torin des Projekts:

Josefine Raab; Foto Jochen Ruderer

photoscala: Liebe Josefine Raab, Sie meinten einmal, es müsse ein Grund­stein gelegt werden, „für eine jährlich wieder­keh­rende, kalei­do­sko­pische Zusam­men­schau, die einen reprä­sen­ta­tiven Querschnitt über das künst­le­rische Potenzial junger Nachwuchs­ta­lente der Fotografie bietet.“ Was war der Anlass für Sie, „gute aussichten“ ins Leben zu rufen?

Josefine Raab: Im Kunst­verein Wiesbaden arbeitete ich fast ausschließlich mit jungen Künstlern und es stellte sich immer wieder die Frage, wie man dieses Forum, das man für sie schaffte, ausweiten könne. So gab es weniger einen konkreten Anlass, als vielmehr eine für mich konti­nu­ier­liche Bewegung hin zur Schaffung eines Projektes, dem ich meine eigenen Erfah­rungen zugrunde legte und es auf ein klar formu­liertes Ziel hin ausrichtete.

photoscala: Von Anfang an wurde der von Ihnen – gemeinsam mit Stefan Becht – initi­ierte Wettbewerb sehr gut angenommen. Es gab viele Einsen­dungen, außerdem konnten Sie hochka­rätige Juroren wie etwa Ingo Taubhorn, Juergen Teller, Andreas Gursky, Luminita Sabau, Thomas Demand, Norbert Bisky, Stefan Oster­meier oder Mario Lombardo für sich gewinnen. Haben Sie mit soviel Zuspruch gerechnet?

Josefine Raab: Nein. Und all diesen Menschen, auch denen im Hinter­grund, sind wir zu Dank verpflichtet, denn sie haben die Idee erkannt und von Anbeginn mitge­tragen. Im Vorfeld des ersten Wettbe­werbs haben wir uns Gedanken gemacht, wie eine sinnvolle und funktio­nie­rende Mechanik für unser Vorhaben aussehen kann: Wie die Parameter sein müssen und was wir für eine erfolg­reiche Durch­führung der Idee brauchen. Damit haben wir begonnen. Um diesen Kern, den jährlichen Wettbewerb, bauten wir von Anfang an das ganze Projekt. Wir haben nicht damit gerechnet, dass „gute aussichten“ so schnell Flügel bekommen würde, aber sehr viel dafür gearbeitet, damit das Projekt eine gute Basis erhält.

photoscala: Natur­gemäß sind die Arbeiten, die in den vergan­genen Jahren zu sehen waren, sehr unter­schiedlich. Trotzdem: Lassen sich in all der Vielfalt Trends erkennen?

Josefine Raab: Jeder Jahrgang ist ein Resonanzraum dessen, was an Themen und Stilmitteln in der gesell­schaft­lichen und damit auch in der gesamten Bandbreite der kultu­rellen Landschaft unterwegs ist. Im aktuellen Jahrgang spielt die Insze­nierung eine sehr große Rolle, die in den einzelnen Arbeiten jedoch sehr unter­schiedlich einge­setzt wird. In anderen Jahren waren verstärkt Grenz­gänge in andere Medien wie Theater oder Film oder Ausein­an­der­set­zungen mit gesell­schaftlich relevanten Themen spürbar. Daneben gibt es immer wieder auch einzeln heraus­ra­gende Positionen, die sich nicht in vorhandene Strömungen einordnen lassen.
 

Foto von Claudia Christoffel, „Temporäre skulpturale Setzungen“

Claudia Christoffel, „Temporäre skulp­turale Setzungen“

 
photoscala: Welche Bilder haben Chancen bei „gute aussichten“?

Josefine Raab: Das oberste Kriterium bei der Auswahl ist die visuelle und inhalt­liche Überzeu­gungs­kraft einer Arbeit.

photoscala: „gute aussichten“ ist ein Wettbewerb, der nicht mit einem Preisgeld verbunden ist. Die Prämie sind unter anderem die vielen Ausstel­lungen, die stets in renom­mierten Häusern zu sehen waren: im Museum für Fotografie in Berlin, in den Deich­tor­hallen Hamburg, im Martin-Gropius-Bau in Berlin, im Forum für Fotografie in Köln, auch im Ausland wie etwa im Goethe-Institut Washington und auch auf der Frank­furter Buchmesse. Können Sie in etwa sagen, wie viele Besucher bisher insgesamt die „gute aussichten“-Ausstellungen gesehen haben?
 

Foto von Agata Madejska, „alpha“

Agata Madejska, „alpha“

 
Josefine Raab: Ehrlich gesagt: nein. Natürlich kennen wir die Besucher­zahlen in den Häusern in Deutschland, die für Nachwuchs­kunst beachtlich hoch sind. Im Haus der Photo­graphie, Deich­tor­hallen liegen die Zahlen zum Beispiel immer bei über 10 000 Besuchern je Ausstellung, in Berlin hatten wir letzten Jahr ebenfalls knapp 10 000 Gäste. Wir freuen uns aber auch über 1000 Besucher in einer Stadt wie Burghausen, die gerade mal 18 000 Einwohner zählt. Bei den vielen Aktivi­täten im Ausland lässt sich das jedoch schwer einschätzen.

Foto von Laura Bielau, Color Lab Club

photoscala: Sie haben einmal von „gute aussichten“ als Plattform gesprochen …

Josefine Raab: … eine Plattform für den fotogra­fi­schen Nachwuchs, die sich nicht einzig in musealen Präsen­ta­tionen erschöpft, sondern vielfältige Aktionen auf einer sehr breiten Basis einschließt. Wir sind auf dem besten Wege, zu einer „ständigen Vertretung“ für junge deutsche Fotografie zu werden. Wir wollen größt­mög­liche Aufmerk­samkeit erzielen für die jungen Talente. Wir schaffen aber nicht nur nach außen wirkende Kommu­ni­ka­ti­ons­in­stru­mente, sondern auch eine Vernetzung im Inneren, um den Fotografen und Fotogra­finnen einen Austausch unter­ein­ander zu ermög­lichen. Um dieses Anliegen weiter auszu­bauen, veran­stalten wir im Spätsommer 2009 gemeinsam mit dem Museum für Fotografie in Burghausen die erste „gute aussich­ten_­plattform“, die auch genau so heißt, bei der es dezidiert um die Begegnung zwischen deutschen und öster­rei­chi­schen Studie­renden geht. Unsere erste Themen­aus­stellung „gute aussich­ten_da­menwahl!“ ab Anfang Februar 2009 im Schafhof in Freising, in der neue Arbeiten von elf „gute aussichten“-Preisträgern und Preis­trä­ge­rinnen der letzten vier Jahre gezeigt werden, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.

photoscala: „gute aussichten“ will ein Binde­glied zu Agenturen, Redak­tionen, Sammlern, Verlagen, Museen und Galerien sein. Inwiefern ist Ihnen das bisher gelungen?

Josefine Raab: Es ist uns insofern gelungen, als dies die Ansprech­partner unserer Aktivi­täten und kommu­ni­ka­tiven Maßnahmen sind, aus deren Kreis die Fotografen, Fotogra­finnen und wir mit den unter­schied­lichsten Anliegen angesprochen werden. Unsere ganze Syste­matik – Wettbewerb, Ausstel­lungen im In- und Ausland, Koope­ra­tionen, Spezi­alheft, Katalog, Internet – ist darauf ausge­richtet, in möglichst unter­schied­liche Kontexte hinein­zu­wirken. Entspre­chend erhalten wir auch von überall dort ein Feedback.

photoscala: Wie finan­ziert sich „gute aussichten“?

Josefine Raab: An erster Stelle stehen Freunde und Förderer unserer Idee, die uns vielfach mit Sachleis­tungen, aber auch mit barer Münze unter­stützen. Diese Liste ist lang, tenden­ziell im Wachsen begriffen und in unseren Publi­ka­tionen wie im Internet nachzu­lesen. Eine sehr variable Größe ist die Provision, die wir für erfolg­reich vermit­telte Verkäufe erhalten. Und schließlich leisten auch die Ausstel­lungs­häuser, je nach Größe, einen Beitrag zu „gute aussichten“.

photoscala: Bei der aktuellen Auflage von „gute aussichten“ bekamen Sie 103 Einrei­chungen von 39 deutschen Hochschulen, Akademien und Univer­si­täten. Es werden immer mehr, oder?

Josefine Raab: Ja, die Tendenz ist eindeutig steigend, was sicher auch mit dem wachsenden Interesse der Studie­renden selbst an unserem Wettbewerb zu tun hat.

photoscala: Vor „gute aussichten“ haben Sie einige Jahre Ausstel­lungen am Nassaui­schen Kunst­verein in Wiesbaden betreut. Wann geriet die Fotokunst eigentlich in Ihren Fokus?

Josefine Raab: (lacht) Genau genommen, als ich vor 22 Jahren einen Fotografen heiratete! Bereits während meines kunst­ge­schicht­lichen Aufbau­stu­diums in Frankfurt am Main habe ich mich mit Fotografie und Medien­kunst beschäftigt, was zu jener Zeit in diesem Studi­enfach noch sehr an dessen inhalt­licher Peripherie lag. Meine ersten diesbe­züg­lichen Kurse absol­vierte ich bei Dr. Kurt Wettengel, der mittler­weile das Museum am Ostwall in Dortmund leitet.

Das Interview führte Marc Peschke.
 
 
gute aussichten:
Ausge­zeichnet werden jährlich Abschluss­ar­beiten, fotogra­fische Diplom­ar­beiten bundes­deut­scher Hochschulen und Fachhoch­schulen, die Fotografie als Studi­engang anbieten. Jede Hochschule kann der Jury maximal fünf Arbeiten zur Begut­achtung vorlegen.

Siehe auch: gute aussichten

Ausstel­lungen „gute aussichten 2008/2009“:
Fotografien von Laura Bielau, Markus Georg, Maziar Moradi, Reza Nadji, Florian Rexroth, Heiko Schäfer, Juergen Staack, Sarah Straßmann und Katrin Trautner

Die Deutschland-Premiere von „gute aussichten – junge deutsche fotografie 2008/2009“ findet am Donnerstag, den 22. Januar, in Hamburg im Haus der Photo­graphie, Deich­tor­hallen, statt (bis 1. März 2009).

Vom 11. März bis zum 26. April ist „gute aussichten 2008/2009“ in der vhs-photo­ga­lerie in Stuttgart zu Gast, ab Mitte Mai bis Mitte Juli im neuen Art Foyer der DZ Bank in Frankfurt/Main und ab Mitte Juni bis Ende August im Goethe- Institut Washington DC. Weitere Ausstel­lungsorte und Aktionen sind in Planung.

gute aussichten – junge deutsche fotografie: damenwahl!“ vom 5. Februar bis 8. März 2009 im Schafhof Europäi­sches Künst­lerhaus Oberbayern, Freising.