Romy Schneider, Foto Robert LebeckWie war sie wirk­lich? Auch diese Frage stellt der jetzt anläss­lich einer Rüs­sels­hei­mer Aus­stel­lung erschie­nene Bild­band „Die Erin­ne­rung ist oft das Schönste“:

Romy Schneider, Foto Roger Fritz

Paris im Früh­jahr 1964. Romy Schnei­der will das süß­li­che „Sissi“-Image end­gül­tig los­wer­den. Sie ist 25 Jahre alt, dreht bereits mit Luchino Vis­conti und Orson Welles – und hat sich gerade von Alain Delon getrennt. Der legen­däre „Twen-“, „Life-“, „Paris Match-“ und „Stern-“Fotograf Will McBride besucht Romy Schnei­der in einem klei­nen Hotel nahe der Place de l’Étoile für ein Inter­view mit der Zeit­schrift „Twen“. In nur zwei Stun­den ent­ste­hen Foto­gra­fien, die in sattem Schwarz­weiß und eini­gen pro­vo­zie­ren­den Unschär­fen vor allem die Ernst­haf­tig­keit der jungen Frau offen­ba­ren – über die Hanna Schy­gulla gesagt hat: „Es gibt Gesich­ter, auf denen man lange ver­wei­len kann, Gesich­ter, in die man träu­mend ver­sinkt, denn sie sind uns sehr nah und haben doch auch etwas von so fern Her­kom­men­des, dass sie uns weit weg ent­füh­ren. Romy Schnei­der hat so ein Gesicht.“

Mit betont sub­jek­ti­vem Inter­esse rückt McBride die unter­schied­li­chen Facet­ten Romy Schnei­ders ins Licht: Sie sieht ver­letz­lich aus, nach­denk­lich, vor Ener­gie sprü­hend, mondän und ver­füh­re­ri­sch, dann wieder aber auch ganz ent­spannt, jung­mäd­chen­haft oder ver­spielt. Zwi­schen Sofa, Mini­bar, vollen Aschen­be­chern und leeren Hotel­glä­sern Romy Schneider, Foto Will McBridefoto­gra­fiert McBride Romy Schnei­der, im Mor­gen­man­tel auf der Couch oder im Schlaf­an­zug – die Frau, über die der Regis­seur Claude Sautet gesagt hat: „Sie ist eine Mischung aus töd­li­chem Charme und tugend­haf­ter Rein­heit. Sie besitzt eine ani­ma­li­sche Aus­drucks­fä­hig­keit: von männ­li­cher Aggres­si­vi­tät bis zu weib­li­cher Sanft­mut. Sie ist leicht wie ein Alle­gro von Mozart und gleich­zei­tig kör­per­lich und sinn­lich. Sie ist gleich­zei­tig strah­lend selbst­si­cher und voll inne­rer Zwei­fel, eine Künst­le­rin, die schon alles wusste, es aber nicht hatte aus­drü­cken können.“

Im Zen­trum der Filme Sau­tets, einer Sym­bol­fi­gur des fran­zö­si­schen Kinos der sieb­zi­ger Jahre, steht oft die Gefähr­dung der Iden­ti­tät seiner Figu­ren – deren Ver­letz­lich­keit nach und nach immer offe­ner zutage tritt. Romy Schnei­der wurde eine der wich­tigs­ten Schau­spie­le­rin­nen Sau­tets – und McBri­des Foto­gra­fien brin­gen die psy­cho­lo­gi­schen Ambi­va­len­zen ihrer Person auf fein­füh­lige Art und Weise auf den Punkt: Ob melan­cho­li­sche Frau, Teen­ager, Vamp oder Diva – in allen Rollen ist Romy Schnei­der von fas­zi­nie­ren­der Per­fek­tion, doch bleibt die wich­tigste Frage offen: Wie war sie wirk­lich?

Wie war sie wirk­lich? Auch diese Frage stellt der jetzt anläss­lich einer Rüs­sels­hei­mer Aus­stel­lung erschie­nene Bild­band „Die Erin­ne­rung ist oft das Schönste“. Zu sehen sind McBri­des Foto­gra­fien, aber auch jene eini­ger ande­rer renom­mier­ter Foto­gra­fen: Werner Bokel­berg, Peter Brüch­mann, Roger Fritz, F. C. Gund­lach, Helga Kneidl, Robert Lebeck, Her­bert List und Max Scheler – sie alle foto­gra­fier­ten Romy Schnei­der.

Romy Schneider, Foto Herbert List

Lebeck fer­tigte noch kurz vor ihrem Tod im Jahr 1982 beein­dru­ckende Foto­gra­fien an. „Sie hatte immer Angst, dass sie ver­sa­gen könnte, dass sie nicht mehr Spitze ist, dass sie eine Szene nicht gut bewäl­tigt“, so der Foto­graf. Wie unter­schied­lich diese Bilder sind: List foto­gra­fierte Schnei­der als junges Mäd­chen im Jahr 1954. Später ist sie als Frau zu sehen, sehr innig mit ihren Kin­dern, an der Seite ihres Ver­lob­ten Alain Delon – und mit Daniel Bia­sini, dem Vater ihrer Toch­ter. Roger Fritz foto­gra­fierte Romy Schnei­der zum ersten Mal im Film­set von Luchino Vis­con­tis „Boc­cac­cio“ im Jahr 1961.

Ein Leben in Bil­dern, das so unter­schied­li­che Facet­ten hat, das Trauer, Freude, Glück, Melan­cho­lie und Schmerz zeigt – und schließ­lich auch das bei Romy Schnei­der Romy Schneider, Foto Robert Lebeckunge­wöhn­lich früh nahende Alter. Vor allem macht dieses berüh­rende Foto-Buch mit vielen bisher nicht publi­zier­ten Bil­dern eines sicht­bar: die vielen Wand­lun­gen des Men­schen – und die Ver­gäng­lich­keit des Lebens. Im letz­ten Lebens­jahr jagt ein Unglück das nächste: Ihr Ehe­mann Daniel Bia­sini ver­lässt sie, Sohn David stirbt, Romy Schnei­der muss eine schwere Ope­ra­tion hinter sich brin­gen. Dann, mit nur 43 Jahren, stirbt die Schau­spie­le­rin in Paris an Herz­ver­sa­gen. „Ich liebe es, bis an die Gren­zen zu gehen, im Beruf wie im Gefühls­le­ben. Ich bedaure nichts!“: Die ver­schwen­de­ri­sche Lebens­ma­xime Romy Schnei­ders spricht aus fast jeder der gezeig­ten Foto­gra­fien.

(Marc Peschke)
 
 
Aus­stel­lun­gen:
Rüs­sels­heim
Bis 21. Januar 2009
Opelvillen Rüsselsheim
Ludwig-Dörf­ler-Allee 9
Mi, 10 bis 21 Uhr / Do bis So, 10 bis 18 Uhr

Titelabbildung Romy Schneider

Ham­burg
6. Februar – 13. April 2009
Museum für Kunst und Gewerbe

Buch:
Beate Kem­fert (Hrsg.)
Die Erinnerung ist oft das Schönste (bei amazon.de)
Foto­gra­fi­sche Por­träts von Romy Schnei­der
Vor­wort von Beate Kem­fert, Text von Freddy Langer
Gebun­den mit Schutz­um­schlag
176 Seiten. 138 Abbil­dun­gen
Hatje Cantz Verlag 2008
ISBN 978–3775722568
29,80 Euro.