Ziemlich überraschend und weitgehend kommentarlos hat Leica am vergangenen Freitag, den 22.2.2008, die sofortige Abberufung des Vorstandsvorsitzenden Steven K. Lee bekannt gegeben. Neuer Chef ist Leica-Eigner Andreas Kaufmann. Was bedeutet das für Leica? Und wie geht es nun weiter bei Leica?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wirklich Erhellendes oder Konkretes ist derzeit nicht zu erfahren. Noch am 22. Februar 2008, dem Tag der Abberufung von Steven K. Lee, hat Leica neben der Ad-hoc-Meldung (siehe Leica feuert Lee) folgende Presseinformation verschickt:

Porträt Leica-Eigner Andreas Kaufmann

Solms, den 22. Februar 2008

Leica Camera AG mit neuem Vorstandsvorsitzenden

Dr. Andreas Kaufmann wird mit Wirkung zum 23. Februar 2008 Mitglied sowie Vorsitzender des Vorstandes der Leica Camera AG. Er hat mit Wirkung zum Ablauf des heutigen Tages sein Amt als Aufsichtsrat niedergelegt.

Der Aufsichtsrat hat sich nach eingehenden Überlegungen und Diskussionen dazu entschlossen, Herrn Steven K. Lee, den bisherigen Vorsitzenden des Vorstandes, abzuberufen. Der Aufsichtsrat dankt Herrn Lee für seine Arbeit und wünscht ihm für die weitere Zukunft alles Gute.

Dr. Andreas Kaufmann wird die Strategie des Unternehmens weiterverfolgen. »Ziel der Leica Camera AG ist es, neben den bestehenden neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen«, erklärt Dr. Kaufmann. »Unser Name wird auch zukünftig in den Bereichen Kamera und Sportoptik für hochwertige Produkte ›Made in Germany‹ stehen.«

Dr. Andreas Kaufmann ist zugleich Geschäftsführer der ACM Projektentwicklung GmbH, die über einen Anteil von 96,51 Prozent des Grundkapitals und der Stimmrechte der Leica Camera AG verfügt.

Viel mehr war denn auch nicht zu erfahren (wir sprachen mit der frisch berufenen Leiterin Public Relations Wiebke Deggau). Der Aufsichtsrat glaubt, mit der Abberufung Lees seine Strategie festigen zu können. Und die besteht darin, neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen und den Wachstumskurs fortzusetzen. Was impliziert, dass es erhebliche Differenzen zwischen dem Aufsichtsrat und Lee über die laufende und zukünftige Ausrichtung des Unternehmens gab.

Natürlich werde Leica nun mit einem neuen Chef auch eine Bestandsaufnahme vornehmen und prüfen, ob der Kurs der Korrektur bedürfe. Besonders betont wurde im Gespräch – wie schon in obiger Pressemitteilung -, dass es auch künftig um Kameras und Sportoptik, „Made in Germany“ gehen werde. Will wohl heißen, das Leica-Angebotsspektrum bleibt unverändert und wird auch unverändert hier in Deutschland gefertigt respektive montiert. Auch hier könnte man herrlich wild spekulieren, was denn da möglicherweise für Pläne bestanden und welche davon nun gestoppt wurden. Doch das alles bleibt pure Spekulation.

Zu der Frage nach Produktpalette und insbesondere neuen Produkten der M-, R- und 4/3-Reihen wollte Frau Deggau sich auch nicht tiefergehend äußern; sie bitte um Verständnis, dafür sei es noch zu früh.

Doch wir können uns was denken: Nachdem Leica im Geschäftsjahr Geschäftsjahr 2006/2007 schwarze Zahlen schrieb, wobei vor allem die Umsätze mit Systemkameras (M8) und Kompaktkameras wuchsen, und das Unternehmen auch im 1. Halbjahr 2007/2008 Umsatz und Gewinn erheblich steigern konnte, was auf das starke Wachstum bei digitalen Kompaktkameras und der Erfolg der digitalen Messsucherkamera M8 zurückzuführen ist, wäre es mehr als verwunderlich, wenn nicht just in dieser Richtung weitergemacht würde.

Das heißt, wir rechnen recht bald mit ein paar neuen Leica-Kompaktkameras, die Panasonics Lumix-Modellen sehr ähneln. Zur photokina 2008 könnte dann eine Messsucherkamera mit Vollformatsensor in der Vitrine stehen.

Was Four Thirds angeht, so sehen wir im Augenblick keine Kamera bei Panasonic, die Leica-like genug ist. Doch Panasonic muss da was tun, und dann hat auch Leica wieder eine 4/3-Kamera.

Unterdessen, so glauben wir, muss und wird Leica auch ein paar Worte zur Zukunft des R-Systems verlieren. Letzteres ist auch bitter nötig, denn seit gut einem Jahr ist das Digital-Modul-R ausverkauft – und seitdem kein deutliches Wort von Leica, wie es weitergeht mit dem R-System.

Was sich, nebenbei, auch in den Gebrauchtpreisen niederschlägt: Noch nie waren R-Objektive online so günstig zu ersteigern wie derzeit. Wenn Sie also an Leica und eine Zukunft des R-Systems glauben: Kaufen Sie jetzt schon mal die Objektive. Die sind und bleiben hervorragend.

Wie dem auch sei: Die photokina 2008 – bzw. die Wochen davor -, das könnte just der Moment sein, da neue M-, R- und 4/3-Kameras vorgestellt werden.

(thoMas)